Öhringen liest ein Buch 2026
Ein Buch wird zum Stadtgespräch und Öhringen und die ganze Region zu einem großen Lesekreis: „Alte Sorten“ von Ewald Arenz
„Alte Sorten“ ist ein Buch über Freundschaft – und über Lebenskrisen. Ein Buch, das irgendwo in Unterfranken spielt – genauso gut könnte es aber auch in Hohenlohe spielen. Und es ist ein Buch über das Leben in und mit der Natur. Dieses Leben bekommt seinen Rhythmus durch die Jahreszeiten: von der Pflege in den Streuobstwiesen und Weinbergen über die Blüte bis zur Ernte, vom Brotbacken bis zum Brennen von Birnenschnaps.
All das spiegelt unser Programm wider: kommen Sie mit uns über den Roman ins Gespräch bei vielen ganz unterschiedlichen Veranstaltungen, diskutieren sie mit uns und miteinander! Erst durch Sie wird „Öhringen liest ein Buch“ zu einem lebendigen Lese- und Mitmachfestival. Ihnen fehlt noch eine Veranstaltung? Melden Sie sich gerne bei uns mit Ihrer Idee!
Programm „Öhringen liest ein Buch” 2026
Datum | Titel | Link |
|---|---|---|
Fr., 27.02.26 | Obstbäume schneiden | |
So., 01.03.26 | Ein Sonntags-Kirchen-Spaziergang | |
Sa., 07.03.26 | Bio-Brotbackkurs | |
Do., 05.03.26 | Keep-Cool - Konflikte verstehen und gewinnbringend lösen | |
Mi., 18.03.26 | Lesekreis zu "Alte Sorten" in der Bücherwelt Heyer | |
Di., 24.03.26 | Traktor-BilderBuchKino "Helma legt die Gockel rein" | |
Mi., 2.03.26 | Heilende Beziehungen | |
Do., 26.03.26 | Alte Gemüsesorten in der SOLAWI Neuenstein-Hohenlohe e.V. | |
Mo., 30.03.26 | Lesekreis in der Buchhandlung Rau | |
Di., 31.03.26 | FÜRSTENFASS - Weinkellerei Hohenlohe eG | |
So., 29.03.26 | Eine Wanderung auf dem Destillatweg "Balduffer" | |
Sa., 11.04.26 | Alte Sorten in Hohenlohe | |
Mo., 13.04.26 | Zwischen Natur und Literatur - Literarischer Spaziergang zu „Alte Sorten“ | |
Mi., 15.04.26 | Spaziergang durch die alte Baumallee im Gewerbepark Hohenlohe | |
Do. 16.04.26 | Essstörung bei Kindern und Jugendlichen | |
Fr., 17.04.26 | Highlight: Ein Abend mit Ewald Arenz | |
Sa., 18.04.26 | Backen im Backhaus | |
Sa., 18.04.26 | Blütenwanderung durch Streuobstwiesen | |
Sa., 18.04.26 | Weinbergführung "Als die Gummistiefel noch aus Holz waren…" |
„Öhringen liest ein Buch“ ist eine Veranstaltungsreihe der Stadt Öhringen in Kooperation mit der Volkshochschule, der Stadtbücherei sowie der Buchhandlung Heyer und der Hohenlohe’schen Buchhandlung Rau.
Dipl. Päd. Isabell Ondracek ist Analytische Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin und hat zur Aktion "Öhringen liest ein Buch" 14 Selbstreflexionen geschrieben.
Eine Einladung zur Selbstreflexion: 14 Texte zum Roman "Alte Sorten" von Ewald Arenz
Das Schweigen um sie wurde tiefer, aber nicht schwerer. Es war gut, dass beide nichts sagen mussten (S. 47).
Wann hast du zuletzt in einer Begegnung einfach nur „da“ sein dürfen, ohne dich erklären oder irgendwelche Erwartungen erfüllen zu müssen? Und umgekehrt: Wann hast du zuletzt deinem Gegenüber einfach mal nur zugehört, ohne im eigenen Gedankenkreisel abzuschweifen oder zu unterbrechen? Und ohne sofort den Impuls zu haben, einen guten Ratschlag zu erteilen? Im Trubel des Alltags verlieren wir oft die Fähigkeit, einfach still präsent zu sein - für andere und auch für uns selbst. Wir wollen etwas tun, handeln, erklären und verbessern. Auch wenn es gut gemeint ist, braucht es manchmal keine Lösung, sondern einfach Zeit und ein Gegenüber, das für uns da ist, zuhört und uns (aus)hält - ohne viele Worte.
Im Roman „Alte Sorten“ geschieht die Heilung zweier Menschen durch genau diese stille Form von Nähe. Die ältere Liss ist für die jugendliche Sally einfach nur da, ohne Erwartungen an sie zu haben oder sie verändern zu wollen. Sie bleibt, auch wenn es unangenehm wird. Liss begegnet Sally mit Vertrauen, wodurch sich die Jugendliche langsam wieder öffnen und Vertrauen in andere Menschen fassen kann.
Frage dich heute: Wo finde ich ein offenes Ohr für meine Anliegen? Von wem fühle ich mich gesehen und verstanden? Für wen könnte ich heute einfach nur da sein?
Sally hockte sich in die Furche und grub ihre Finger in die Erde unter dem Kartoffelkraut. Sie war warm und vom gestrigen Regen noch ein wenig feucht. Wann hatte sie das letzte Mal in der Erde gegraben? Wann hatte sie das letzte Mal die Hände in der Erde gehabt? Sie konnte sich nicht erinnern (S. 31).
Während unser Alltag oft laut, fordernd und erschöpfend ist, bietet uns die Natur einen Raum, der uns an unseren eigenen, ursprünglichen Rhythmus erinnert. Der Aufenthalt im Grünen senkt unseren Cortisolspiegel, beruhigt das Nervensystem und entschleunigt unsere Gedanken. In der Begegnung mit Pflanzen und Tieren fällt der soziale Druck von uns ab und wir müssen keine Rolle mehr spielen. Der Wald fragt nicht nach unseren Leistungen, unserem Aussehen oder unserer Vergangenheit; die Erde trägt uns, ohne dafür eine Gegenleistung zu erwarten. Erdung bedeutet, die Verbindung zur Welt wieder zu spüren, denn in der Natur sind wir Teil eines großen Ganzen, mit dem wir uns verbunden fühlen können.
Im Roman „Alte Sorten“ ist die Natur nicht nur eine Kulisse. Sie ist ein aktives Element im Prozess der Heilung zweier Frauen, denen sie Heimat, ein Zuhause und ein Gefühl der Geborgenheit vermittelt.
Frage dich heute: Wann war ich zuletzt ganz bewusst in der Natur? Welchen Ort wollte ich schon längst wieder besuchen? Wo fühle ich mich geerdet?
Die Narben löschten die Tage und die Gesichter und die Gefühle (S. 39).
Wenn die Seele keine Worte findet, spricht sie durch unseren Körper: ein Problem „liegt uns schwer im Magen“, etwas „bereitet uns Kopfschmerzen“, wir spüren einen „Kloß im Hals“ oder ein anstehendes Gespräch „sitzt uns im Nacken“. Der Körper fungiert nicht selten als Sprachrohr für die Seele, was zu Schmerzen oder körperlichen Beschwerden führen kann, für die es keine organische Ursache gibt. Heilung beginnt, wenn wir aufhören, körperliche Symptome nur bekämpfen zu wollen, und stattdessen anfangen, nach den dahinterliegenden seelischen Hintergründen zu fragen.
Im Roman „Alte Sorten“ drückt die jugendliche Sally ihre Gefühle und ihren seelischen Schmerz über verschiedene Symptome aus, die den Körper betreffen, wie zum Beispiel eine Essstörung oder selbstverletzendes Verhalten. Diese geben ihr kurzfristig ein Gefühl von Kontrolle und überdecken Ängste, Enttäuschungen sowie tiefe Gefühle von Trauer und Unsicherheit. Erst durch das Vertrauen in Liss lernt Sally langsam, ihre Gefühle nicht mehr nur körperlich auszutragen, sondern ihnen Raum zu geben, sie zu benennen und in Beziehung zu bringen.
Frage dich heute: Wo in meinem Körper spüre ich Gefühle wie Wut, Trauer oder Angst? Habe ich häufig wiederkehrende Beschwerden, für die es keine körperliche Ursache gibt? Was könnte mir mein Körper damit sagen wollen, das ich bisher ignoriert habe?
Es war ein guter Ort. In Sally wurde es das erste Mal seit langer Zeit für einen Augenblick ganz still, und sie bewegte sich nicht, um diese Stille nicht gleich wieder zu verlieren (S. 17/18).
Ein sicherer Ort muss nicht unbedingt ein bestimmter Platz sein. Vielmehr ist er ein Gefühl - der Moment, in dem wir unsere Rüstung ablegen können und uns geborgen, ruhig und angenommen fühlen. In einer Welt, die ständig Anforderungen an uns stellt und uns zur Anpassung zwingt, ist ein sicherer Ort kein Luxus, sondern eine Notwendigkeit für unsere Seele. Unser Wohlfühlort kann ein Raum sein, der uns Ruhe schenkt, oder auch ein Mensch, bei dem wir uns verstanden fühlen. Und manchmal finden wir ihn nicht im Außen, sondern erschaffen ihn in uns selbst: einen inneren Ort, der in Gedanken jederzeit erreichbar ist.
Kurze Übung für heute: Schließe, wenn möglich, für einen Moment die Augen. Stelle dir dann einen Ort vor, an dem du dich ruhig, geschützt und angenommen fühlst. Der Ort kann real sein (ein Platz in der Natur oder dein Zuhause) oder auch erfunden. Frage dich langsam: Was sehe ich dort? Welche Geräusche nehme ich wahr? Kann ich etwas riechen oder fühlen? Wie reagiert mein Körper bei dem Gedanken an diesen Ort? Bringe dich gedanklich jederzeit an diesen Ort, wenn du Ruhe und Entspannung suchst.
So ist es immer, dachte Liss. Am Ende ist man immer allein (S. 103).
Obwohl wir in unserer digitalen Welt eine Vielzahl an Kommunikationsmöglichkeiten zur Verfügung haben, fühlen wir uns manchmal allein oder einsam. Das Thema Einsamkeit betrifft nicht nur ältere Menschen, wie wir oft glauben, sondern auch die junge Generation, die auf der Suche nach „echter“ Nähe und „echtem“ Verständnis ist.
Im Roman „Alte Sorten“ ist Einsamkeit ein stiller Begleiter. Die jugendliche Sally ist nicht real allein, sondern fühlt sich von den Menschen um sie herum unverstanden. Niemand kann ihre Gedanken, Ängste oder Wünsche nachvollziehen, sodass für Sally Einsamkeit das Fehlen von Verständnis bedeutet. Liss hat kaum Kontakte in einem Dorf, das eigentlich Gemeinschaft verspricht, und ist tatsächlich allein. Sie hat sich aktiv zurückgezogen, um sich vor erneuten Verlusten und Enttäuschungen zu schützen. Bei beiden Frauen ist jedoch eine tiefe Sehnsucht nach echter Verbindung spürbar. Im Laufe der Handlung löst sich die Einsamkeit auf und wird von wahrem Interesse, Mitgefühl und der Sorge um den anderen abgelöst.
Frage dich heute: Wann fühle ich mich trotz der Menschen um mich herum allein? Wo halte ich Abstand, um mich zu schützen? Wem kann ich heute das Gefühl von Einsamkeit ein Stück weit nehmen - durch Besuche, Telefonanrufe oder echtes Zuhören?
Die meisten Leute arbeiteten nicht mehr mit dem Boden, aus dem alles kam. Die meisten Leute hatten vergessen, dass auch im Herbst Dinge wachsen konnten… (S. 37).
Oft findet Heilung nicht durch lange Gespräche statt, sondern im gemeinsamen Tun. Wenn die Hände beschäftigt sind, darf der Geist zur Ruhe kommen. Handwerk und kreative Tätigkeiten holen uns ins Hier und Jetzt: das Holz, das wir schnitzen, der Ton, den wir formen, oder der Teig, den wir kneten – all das gibt uns unmittelbares Feedback. Es ist greifbar, echt und verlässlich, und wir spüren, dass wir wirksam sind und etwas erschaffen oder verändern können. Das Geschaffene ist Ausdruck unserer Kreativität und unserer Gestaltungsmöglichkeiten.
Im Roman „Alte Sorten“ entwickelt sich die Beziehung zwischen Sally und Liss weniger durch Worte als vielmehr durch das gemeinsame Tun in der Natur, zum Beispiel beim Brotbacken, bei der Gartenarbeit oder beim Bienenhalten. Diese Tätigkeiten beruhigen beide Seelen und lassen Nähe zu und Vertrauen entstehen, lange bevor Worte überhaupt möglich werden.
Frage dich heute: Wann bin ich zuletzt in einer Tätigkeit so aufgegangen, dass ich die Welt um mich herum vergessen habe? Welche Beschäftigung tut mir gut, und wie könnte ich sie wieder mehr in meinen Alltag integrieren?
Dadurch, dass du den Garten nie betrittst, dass du alles einfach hast wachsen lassen, alles in Ruhe gelassen hast, ist das ein Zaubergarten geworden (S. 118).
Wir Menschen tragen ein tiefes Bedürfnis nach Sicherheit in uns. Wir planen, organisieren und strukturieren für uns selbst, aber manchmal auch für unser Umfeld. Nicht selten greifen wir ein, weil wir glauben zu wissen, was richtig oder besser wäre. Hinter dem Bedürfnis nach Kontrolle steckt meist die Angst, dass uns etwas entgleiten könnte oder nicht so „perfekt“ wird, wie wir es uns vorstellen. Gerade in Beziehungen zeigt sich das deutlich: Aus Liebe, aus Sorge oder aus Unsicherheit versuchen wir, andere zu lenken und zu beeinflussen. Doch Kontrolle fühlt sich für den anderen selten wie Fürsorge oder Schutz an, sondern eher wie Bevormundung, die das eigene Handeln lähmt. Vertrauen dagegen öffnet Räume. Wenn wir jemandem zutrauen, eigene Erfahrungen zu machen, wächst etwas Wichtiges: Selbstvertrauen, Stärke und Eigenständigkeit.
Im Roman „Alte Sorten“ lebt Liss genau dieses Zutrauen vor. Sie lässt der jugendlichen Sally genügend Raum, um auszuprobieren und zu entdecken, greift nie ungefragt ein, bleibt aber nah genug, um zu unterstützen. Sie begleitet, ohne zu lenken. Genau dadurch findet Sally den Mut, auszuprobieren, ihre eigenen Fähigkeiten zu entdecken, Stärken zu erkennen und Selbstbewusstsein zu entwickeln, so dass sie schließlich ihren eigenen Weg gehen kann.
Frage dich heute: Wo in deinem Leben kontrollierst du andere? Was könnte geschehen (auch im Positiven), wenn du loslässt? Wo fühlst du dich selbst kontrolliert oder bevormundet?
Fuck! Schrie sie atemlos. Fuck! Aber es war kein wütendes Fluchen, sondern einfach ein Schrei der Anstrengung, zuversichtlich, sich selber antreibend; oder doch wütend, aber voller guter Wut, solcher, die einen starkmacht (S. 126).
Wut ist in unserer Gesellschaft negativ besetzt. Wir wollen ruhig, souverän und „cool“ bleiben und immer gefasst auftreten, denn Gefühle werden oft als Schwäche gewertet. Wir lernen früh, unsere Wut zu unterdrücken, sie wegzulächeln oder uns für sie zu schämen. Doch im Kern ist Wut keine zerstörerische Kraft, sondern pure Energie und zugleich ein inneres Alarmsystem. Wut entsteht oft dort, wo Grenzen verletzt oder Bedürfnisse übergangen werden. Wenn wir Wut jedoch in sozial verträglicher Form zulassen, können wir sie konstruktiv für uns nutzen, zum Beispiel indem wir lernen, uns durchzusetzen, für uns einzustehen und unsere Wünsche zu vertreten.
Die jugendliche Sally ist oft wütend. Dabei wird jedoch spürbar, dass ihre Wut nicht angreifen will, sondern sie selbst schützt. Sie ist ihr Schutzschild in einer Welt, in der sich die Jugendliche oft angegriffen und verletzt fühlt. Gleichzeitig zeigt ihre Wut auch, dass sie verstanden und in ihren Bedürfnissen gesehen werden will.
Frage dich heute: Wann spürst du Wut bei dir oder bei anderen, und was steckt dahinter? Ist sie wirklich ein Angriff oder eher ein Schutz? Wo möchtest du zukünftig mehr für dich einstehen?
Ich bin ein Faden, den das Mädchen zwischen euch geknüpft hat, ohne zu fragen. Spinnwebfein, aber du spürst ihn, wenn daran gezogen wird. Aus einem Faden werden Fäden und aus Fäden Schnüre und aus Schnüren ein Netz (S. 120).
Emotionale Sicherheit in Beziehungen entsteht dort, wo wir uns zeigen und ehrlich sein dürfen – ohne Angst vor Verurteilung oder Bewertung. Sie wächst dort, wo wir Grenzen setzen dürfen, ohne dass Schuldgefühle entstehen oder vermittelt werden. Sie breitet sich dort aus, wo jemand zuhört, präsent bleibt und uns auch in schwierigen Momenten auffängt. Unsere Vorgeschichte prägt die Art, wie wir Beziehungen gestalten, wie wir uns auf andere Menschen einlassen und ob wir Nähe zulassen und vertrauen können. Auch wenn wir bislang wenige positive Bindungen erlebt haben, ist es nie zu spät, neue, korrigierende Beziehungserfahrungen zu sammeln, die uns für die Welt und andere Menschen öffnen.
Im Roman „Alte Sorten“ verkörpert Liss genau diese Haltung. Sie ist kein perfekter Mensch, aber sie ist verlässlich. Sie fragt Sally nicht aus, respektiert ihre Grenzen und drängt sie nicht. Durch diese ruhige Präsenz entsteht bei Sally etwas Neues: Vertrauen in andere Menschen, das wachsen kann.
Frage dich heute: Welche Beziehungserfahrungen habe ich bisher gemacht? Bei wem darf ich ehrlich, verletzlich und echt sein? Wie kann ich selbst zu einem sicheren Ort für andere werden?
„Was glotzen die so?“ In Liss Mundwinkeln saß ein kleines böses Lächeln. „Weil sie dich nicht kennen.“ Sally sah, wie manche sie lange unverhohlen musterten und andere schnell den Kopf wegdrehten, wenn sie herausfordernd zurückstarrte (S. 59).
Wir leben in einer Welt, die Vielfalt feiert, solange sie bequem bleibt. Doch sobald jemand eine Lebensform wählt, die uns „fremd“ erscheint, stößt diese Andersartigkeit schnell an Grenzen. Wer „anders“ ist, passt nicht in unsere Schubladen und wird deshalb aus Angst vor dem Unbekannten an den Rand gedrängt. Ausschluss geschieht dabei meist leise: durch Blicke, durch Tuscheln oder durch das schlichte Einstellen von Einladungen. Dieser Ausschluss nimmt den Betroffenen etwas Lebenswichtiges - das Gefühl von Zugehörigkeit, auf das wir Menschen angewiesen sind. Eine Gesellschaft ist erst dann gesund, wenn sie auch das Unangepasste aushält. Beziehungen zu Menschen einzugehen, die „anders“ sind, bedeutet Offenheit und Toleranz über vorgefertigte Sichtweisen zu stellen, und die Reife, sich eine eigene Meinung bilden zu können.
Im Roman „Alte Sorten“ steht das Dorf für feste Regeln, Erwartungen und ein stilles Einordnen. Wer davon abweicht, fällt auf und wird schnell beurteilt und ausgeschlossen. Die beiden Frauen verkörpern das Gegenteil: Sie passen nicht in die vorgefertigten Vorstellungen und sehnen sich danach, mit all ihren Stärken und Schwächen angenommen zu werden. Gleichzeitig respektieren sie die Besonderheiten der anderen, öffnen sich für die neue Freundschaft und bleiben dabei echt und authentisch, wodurch eine heilsame Beziehung entstehen kann.
Frage dich heute: Wo habe ich Vorurteile gegenüber anderen Menschen? Ist mein Bild tatsächlich aus einer persönlichen Begegnung mit diesem Menschen entstanden oder weil ich mich der Meinung anderer angeschlossen habe? Wem gegenüber möchte ich zukünftiger offener sein?
Und sie hatten geschwiegen. Die meisten kapierten nicht, dass man auch miteinander schweigen konnte und dass das eigentlich das Beste von allem war (S. 194).
Nicht jede tiefe Verbindung lebt von vielen Worten. In einer Welt, in der alles benannt, gepostet und erklärt wird, verlieren wir oft die stillen Räume. Wir füllen jede Pause mit digitalem Rauschen oder Smalltalk, um die vermeintliche Leere zu vertreiben – vielleicht auch, um manches nicht spüren zu müssen, das dann zum Vorschein kommen könnte. Dabei vergessen wir aber, wie heilsam Stille sein kann. Es gibt Momente, in denen zwei Menschen einfach nebeneinandersitzen und sich trotzdem nah sind. Schweigen ist nicht immer leer, manchmal schafft es sogar eine tiefere Nähe als jedes Gespräch. Wenn wir aufhören zu reden, beginnen wir zu hören: auf Zwischentöne, auf Blicke und auf die kleinen Signale des Gegenübers.
Im Roman „Alte Sorten“ sprechen Sally und Liss kaum. Und doch – oder gerade deshalb – verbindet sie etwas Tiefes. Eine stille Übereinkunft: Ich sehe und spüre dich. Ein Schweigen, das nicht fordert, sondern trägt.
Frage dich heute: Wann hast du zuletzt Nähe gespürt ohne Worte? Wann empfindest du Stille nicht als unangenehm, sondern als verbindend?
Bäume kann man an einen Pfahl binden, damit sie gerade wachsen. Er hat sein Leben lang gedacht, dass man das auch mit Menschen machen kann (S. 117).
Viele Erwachsene werden über die Jahre geformt von der Schule, dem Berufsleben, von der Familie oder auch von den eigenen Erwartungen. Sie spielen Rollen, die sie sich im Laufe ihres Lebens angeeignet haben. Sie haben gelernt, sich anzupassen, Erwartungen und Ideale zu erfüllen und dabei eigene Wünsche und Bedürfnisse zu verstecken, um ja nicht aufzufallen. Dahinter steht die Angst, nicht akzeptiert zu werden oder nicht gut genug zu sein. Das Gefühl für den eigenen Wert, das Selbstwertgefühl, geht dabei verloren und findet durch diese Anpassungsbereitschaft eine scheinbare Stabilisierung. Authentizität beginnt dort, wo wir aufhören, Energie in Fassaden zu stecken und uns so zeigen, wie wir wirklich sind.
Im Roman „Alte Sorten“ leben Liss und Sally am Rande eines Dorfes, nicht nur räumlich, sondern auch sozial. Das Dorf hat sein Urteil längst gefällt, doch die beiden Frauen heilen nicht durch die Anpassung an diese Gemeinschaft oder durch die Rückbesinnung auf deren Werte, sondern durch das Finden und Annehmen des eigenen Weges, der sie innerlich frei macht.
Frage dich heute: Wann habe ich mich zuletzt wirklich frei gefühlt? Was hält mich zurück, ehrlich zu fühlen und zu leben? Was war in mir, bevor ich versucht habe, mich anzupassen und Erwartungen zu erfüllen? Wo verstelle ich mich noch, um anderen zu gefallen?
Ich weiß nicht mehr, ob das auch schon so war, als ich so alt war wie du, sagte Liss, aber heute ist das manchmal so, dass Bilder aus der Vergangenheit kommen wie Blitze. Sie treffen dich…mich einfach so. Mit voller Wucht (S. 155).
Jeder Mensch trägt eine unsichtbare Landkarte auf seiner Seele. In unserer Vergangenheit gibt es Ereignisse, die schmerzhaft oder enttäuschend waren. Und oft verbringen wir Jahre damit, diese alten Wunden zu verstecken, sie zu überspielen oder so zu tun, als seien sie längst verheilt. Doch sie verschwinden dadurch nicht, sondern färben unser heutiges Denken, Verhalten und unsere Beziehungen. Oder sie „triggern“ uns, tauchen plötzlich und unerwartet auf und machen uns dann hilflos und ohnmächtig. Heilung bedeutet nicht, das Geschehene zu vergessen oder zu verdrängen, sondern die Wunden unserer Geschichte anzuschauen, sie anzunehmen und schließlich zu lernen, mit ihnen umzugehen.
Im Roman „Alte Sorten“ werden die Verletzungen der beiden Frauen nicht bewertet, sondern zunächst einfach nur gesehen. Liss fragt Sally nicht nach den Narben an ihren Armen, sondern lässt sie zunächst einfach nur da sein. Durch diese stille Akzeptanz verliert der „alte“ Schmerz seine Macht, sodass das Erlebte irgendwann auch Worte finden und geteilt werden kann. Wenn wir erleben, dass wir trotz unserer Brüche angenommen und gehalten werden, kann Heilung beginnen.
Frage dich heute: Welche Erfahrungen haben mich zu dem Menschen gemacht, der ich heute bin? Welche schwierigen Momente haben mich stärker werden lassen?
… und du weißt auf einmal, dass dein sogenanntes Unglück überhaupt keine Bedeutung hat. Dass eigentlich nichts wirklich etwas bedeutet, weil alles vorbeigeht (S. 138).
Loslassen bedeutet nicht aufzugeben, sondern anzuerkennen, dass manches seinen eigenen Weg gehen muss oder uns nicht mehr dienlich ist. Oft halten wir krampfhaft an Dingen fest, die uns belasten und den „alten Schmerz“ immer wieder aktivieren. Das können alte Verletzungen oder Enttäuschungen sein, Menschen oder auch Rollenbilder, die uns längst zu eng geworden sind und uns bedrücken. Oder auch Erwartungen daran, wie unser Leben idealerweise aussehen sollte. Das alles kostet enorme Energie. Loslassen hat mit Vertrauen zu tun – mit dem Vertrauen, dass nach dem Abschied und der damit verbundenen Leere wieder etwas Neues entstehen wird, das vielleicht noch besser wird.
Im Roman „Alte Sorten“ zeigt Liss, dass Freiheit genau dort beginnt, wo alte Muster, Rollen und Verletzungen an Bedeutung verlieren. Sie geht ihren Weg in Abgrenzung zu den Erwartungen ihres Vaters und der Gesellschaft, lässt ihre Vergangenheit los und findet darin eine neue Form von Freiheit und Selbstbestimmung. Auch Sally lässt abrupt ihre bisherigen Sicherheiten los und findet durch die neue Begegnung mit Liss schließlich ihren eigenen Weg, der sie innerlich frei macht.
Frage dich heute: Was in deinem Leben trägst du noch mit dir herum, obwohl es längst an der Zeit wäre, es sanft abzulegen? Was darf heute in Frieden gehen?

